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Beiträge  - Auslandsberichte
27.11.2002: (Liverpool (Großbritannien)) "Ich bin immer noch hier.."    [geschrieben von rainer]

Aber man könnte einen anderen Eindruck bekommen, wenn man bedenkt, dass ich lange nix mehr zu den Erfahrungen hier beigetragen habe und mir dafür auch schon einen anhören durfte (Viele Grüße an dieser Stelle an den fleißigen Sawas auf der anderen Seite des Kontinents). Leider kam häufig was dazwischen, meistens war es blond, flüssig und hatte ca. 5 %... Wie auch immer, heute will ich mal etwas mehr schreiben und unter anderem etwas über die Uni erzählen.

Das Department , welches hier für Planung zuständig ist, das Department of Civic Design, nimmt für sich in Anspruch, die älteste Planungsfakultät in Europa zu sein, eventuell auf der Welt (Es gibt noch eine Uni in China, die das auch von sich behauptet. Wobei das Department hier ja keine eigenständige Fakultät ist, jedenfalls werden hier seit kurz nach dem Kartoffelkrieg im Jahre 1860 Planer ausgebildet, genauer gesagt seit 1909. Und trotzdem ist es bis jetzt nicht zu einem Global Player der Planerausbildung geworden. Man legt eher Wert auf klein, aber fein. Sprich mit 13 Akademikern und 6 Bediensteten inklusive Pförtner und Putzfrau Cathy ist hier alles im recht kleinen Rahmen. Dafür soll der Ruf der Planungsausbildung recht gut sein (Ist ja schließlich auch die älteste).

Neben dem Prunkstück der Ausbildung, dem 2 Jahres-Postgraduate Kurs MCD Master of Civic Design, an dessen Kursen ich im Moment auch teilnehme, gibt es noch verschiedene andere Kursangebote wie Master of Town and Regional Planning, Master of Metropolitan Planning und diversen Undergraduate Kursen mit einem Bachelor Abschluss. Als Sokrates Student nimmt man in der Regel an den Kursen des MCD Programms teil, es steht einem aber frei, andere Kurse zu besuchen. Die Kurse, welche ich momentan besuche sind: ?Planning Techniques and Methodology?, ?Planning Law and Governance?, ?Socio-Economic Issues & Planning Policy? und ?Planning and Natural Environment?

Nächstes Semester (Ab Ende Januar) mach ich dann noch ?Planning Theory? und ?Planning in Europe?, ?Planning for the built environment? und ?Planning History and Urban Studies?. Insgesamt hat man nicht viele Vorlesungen. Ca. zehn Stunden die Woche. Allerdings wird von einem erwartet, dass man den Rest des Tages in der Bücherei verbringt und brav liest (Hallo Mama und Papa, das mache ich auch immer...). Außerdem muss man dauernd irgendwelche Hausarbeiten von ca. 3000 Wörtern schreiben. In den ersten zwölf Wochen ca. sechs Stück. Dazu noch ein paar kleinere Präsentationen und im Januar dann vier Prüfungen. Also insgesamt schon recht arbeitsintensiv, aber ich denke, der Schwierigkeitsgrad hält sich in Grenzen. Zum Glück werde ich nicht gezwungen, die Hausarbeiten auch zu schreiben, so mache ich nur das, was mich auch interessiert. Vieles hat man dann ja schon in Dortmund in ähnlicher Weise gemacht (Experteninterviews, Pläne analysieren, baurechtliche Fragestellungen, etc. pp.). Dem Geschehen kann man in der Vorlesung auch sehr gut folgen, da ist der Liverpudlian Akzent schon schwerer zu verstehen (Die Tage war ich beim Friseur und die Tussi hab ich fast gar nicht verstanden, so undeutlich war das. Dementsprechend sieht jetzt auch meine Frisur aus :-) ). Anyway, jedenfalls bekommt man hier einen guten Eindruck der englischen Herangehensweise an Planungsprobleme (Als einführende Literatur ist hier auf jeden Fall die britische Planungsbibel ?Town and Country Planning in the UK? von Cullingworth/Nadin zu empfehlen). Das größte Planungsproblem in England scheint das Housing Problem zu sein. Darauf kommt man häufig zu sprechen hier. Während im reichen Süden um London der Suburbanisierungsdruck ungeheuer hoch ist und landesweit bis 2011 ungefähr 3,8 Mil. neue Wohnungen gebraucht werden, leidet Englands Norden immer noch unter den Folgen des Strukturwandels und kämpft mit alter Infrastruktur und hohen Leerständen (In manchen Bezirken Liverpools beträgt die Leerstandsquote bis zu 30 %). Manche Häuser in Kensington oder Anfield bekommt man schon für 8000 Pfund (12500 Euro) gekauft. Der Durchschnittspreis für ein Haus in Liverpool beträgt 30000 Pfund (46000 Euro) und ist damit der niedrigste in ganz Großbritannien. Das sind dann auch häufig die Gegenden, in denen die Kriminalitätsrate hoch ist und die Leute, wenn es geht, irgendwann wegziehen. Überall sieht man Überwachungskameras und die Frage ?Do you expect fences?? muss man hier auf jeden Fall mit einem klaren Ja beantworten. Es gibt umzäunte Carparks, unser Backyard hat kein Grün, dafür eine zwei Meter hohe Mauer drum herum mit Stacheldraht drauf. Aber davon sollte man sich nicht abschrecken lassen, man muss ja alles mal gesehen haben.

Was gibt?s sonst neues aus Liverpool? Halloween habe wir gut hinter uns gelassen, wo wir spekuliert haben, dass die Kinder, denen man bei Trick or Treat keine Süßigkeiten gibt, statt mit rohen Eiern gleich mit Steinen die Scheibe einschmeißen. (Hinweis am Rande für Marc, in diesem Satz befindet sich ein zeitliches ?wo? :-) ). Vor drei Wochen gab es noch ein Fest ?zu Ehren? eines Typen dessen Name ich schon wieder vergessen habe. Jedenfalls hat er mal annodazumal versucht das Parlament anzuzünden. Stattdessen hat man ihn angezündet und zu dem Gedenken gibt?s einmal im Jahr überall Feuerwerk wie bei uns Sylvester. Wir haben es vorgezogen zum Albert Dock (central tourist attraction) zu gehen und haben uns dort das von Booten abgeschossene Feuerwerk mit klassischer Musikuntermalung angeschaut, besser als sich in Kensington von den Blagen mit ihren Böllern in die Luft jagen zu lassen. Das Feuerwerk an der Waterfront ist auf jeden Fall lohnenswert und direkt nebenan gab es auch noch eine Kirmes (leider ohne Bierbude, so was ist hier leider nicht erlaubt). Die Feuerwehr streik auch mal wieder im ganzen Land, diesmal für acht Tage. Aber zum Glück regnet es soviel, dass es keine wirkliche Brandgefahr gibt..

Vor zwei Wochen haben wir noch einen Tagesausflug nach York gemacht. Eine Seniorentruppe aus Liverpool organisiert zusammen mit der John Moores Uni Samstags immer irgendwelche Tagestouren für internationale Studenten, an denen wir auch teilnehmen können. Das ganze machen sie aus Spaß und zum Selbstkostenpreis, so dass es sich auf jeden Fall lohnt, mitzufahren. Leider hat es an dem Tag so gepisst, dass man lieber die meiste Zeit im Café gesessen hat, als sich die engen, beschaulichen Gassen der Innenstadt anzuschauen. Mal schauen, wo die nächsten Fahrten hingehen..

Ansonsten wirft auf jeden Fall schon das wichtigste Spiel des Jahres (für echte Liverpudlians wichtiger als ein Weltnmeisterschaftsfinale) seinen Schatten voraus: Am Sonntag spielt Liverpool FC zu Hause gegen Manchester United. Ungefähr vergleichbar mit Schalke gegen Dortmund. Leider bekommt man eher eine Privataudienz beim Papst als für dieses Spiel Karten und so werde ich mir das Ganze dann wohl in einem Pub auf Großbildleinwand anschauen.

Noch etwas zum Thema heißes Pflaster Kensington: Letzten Samstag flog um ein Uhr nachts ein Hubschrauber mit Suchscheinwerfer ca. 30 Meter über die Häuser hinweg gefolgt von ca. 10 Polizeiwagen. Vielleicht haben sie ja auch nur den Liebhaber der Polizeipräsidentengattin gesucht oder eine neue Folge der lokalen Soap Opera Merseybeat gedreht, Vielleicht wollten sie aber auch nur selber mal James Bond spielen, nachdem sie ihn im Kino gesehen haben (Juhu, ich wollte schon immer mal einen Film früher schauen können als alle anderen in Deutschland). Gegen diese Thesen spricht aber eher ein anderes unerfreuliches Ereignis aus der Kategorie ?Gehe nachts nie alleine nach Hause, wenn Du in Kensington wohnst?: Vor zwei Wochen mussten mich unbedingt zwei Assis zwanzig Meter vor zu Hause zusammenschlagen und haben mir mein sauer Erspartes (40 Pfund/ca. 60 Euro) abgenommen. Zum Glück hatte ich mein geliebtes Handy nicht dabei, sonst hätten sie mir das auch noch abgenommen. Und mit einem blauen Auge, einer geschwollenen Wange und einer dicken Beule am Kopf bin ich eigentlich noch ganz glimpflich weggekommen. Ja man erlebt hier was...

Das ganze soll aber nicht zu negativ klingen, denn mir macht es hier weiterhin viel Spaß, auch wenn man jetzt immer mit dem Taxi unterwegs ist. Dafür muss man nicht dauernd aus der Stadt nach Hause laufen, ist auch was feines (Zahlen muss man es natürlich trotzdem...) So das wars dann erstmal wieder, nächstes Mal gibt?s dann vielleicht was über die Adventszeit in Liverpool, die uns bevorsteht (Hmmm, Zimtsterne...)



Rainer



PS: Hab mal ein paar Fotos hoch geladen, wenn?s funktioniert, könnt ihr mal unser Wohnzimmer Küche und unsere Nachbarschaft bewundern. 100 Prozent versiegelt...!

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